Am kommenden Morgen stand Anabelle in ihrer Werkstatt unter dem Dach der Villa. Schnee lag auf den Deckenfenster, sodass sie nur im Schein der Lampen arbeiten konnte. Goldenes Licht fing sich im Gebälk über ihrem Kopf und reflektierte auf der schweren Kranvorrichtung, mit der sie ihren Stahlkörper dicht über dem Boden aufgehängt hatte. Seufzend betrachtete Anabelle die defekte Hülle. Die Kunsthaut lag zusammengerollt auf der Werkbank. Vermutlich konnte sie damit nichts mehr anfangen. Sie sah keinen Sinn darin, die Risse zu stopfen. Wahrscheinlich war es klüger, einer anderen Maschine das vorgeblich menschliche Aussehen zu nehmen. Obwohl sie das Gewicht des Körpers hasste, wusste sie die immensen Vorteile eines unangreifbaren Leibes zu schätzen. Doch das war nur der vordergründigste Punkt. Wenn sie ehrlich zu sich war, lag der eigentliche Grund wesentlich tiefer. Sie erwachte nach ihrem physischen Tod in dieser Gestalt. Ihre Schwester hatte ihr das Aussehen und die Attribute einer Kämpferin gegeben. Gleichgültig wie sehr Anabelle Anais für den Mord an ihr und die Zerstörung all ihrer Lebensträume hasste, sie verband auf paradoxe Weise auch ihre Rückkehr damit. Sie würde diesen Körper reparieren, komme was wolle!
Nachdem sie eine gute Stunde damit zugebracht hatte, die äußeren Extremitäten auszubauen, Kabel zu ersetzen und Schläuche in warmem Wasser einzulegen, konnte sie sich um die Gelenkkugeln kümmern. Eine eigenartig raue Patina machte es ihr fast unmöglich, den leblosen Arm zu bewegen. Das Metall knirschte, als habe es sich über die Gelenkpfanne hinaus ausgedehnt. Feines, weißes Mehl rieselte auf die hölzerne Arbeitsplatte. Mit zusammengezogenen Brauen tippte Anabelle den Abrieb auf und roch daran. Sie nahm nichts wahr. Mit einer Stahlbürste machte sie sich daran, diese sonderbaren Korrosionsspuren zu entfernen. Nachdem sie die Gliedmaßen anschließend mit Sandpapier poliert und im Anschluss gefettet hatte, funktionierte das System auch wieder. Trotzdem schien sich daran etwas verändert zu haben. Erneut drehte sie die Ellenbogenkugel und überdehnte das Gelenk. Es ließ sich bereits jetzt schon nicht nennenswert leichter bewegen als am Vortag. Langsam drehte sie es und hielt es gegen das Licht. Der feine Kabelschacht, der Unter- und Oberarm verband und die Ketten- und Federwerke bediente, war vollkommen zugesetzt. Diese weiße Patina legte ihre Glieder lahm. Anabelle ließ den Arm verärgert auf den Tisch fallen. Sie suchte sich Pfeilen und Drähte aus einer Schublade, um sich an die mühselige Reinigung zu machen. Während dessen überlegte sie sich, auf welchem Weg dieses Pulver sich so effektiv abgesetzt haben konnte. Die einzig logische Möglichkeit waren die undichten Hautlappen über den Gelenken und die ungeschützten Laufschienen ihrer Sporne, Messer und Bolzen. Nach einer Weile ließ sie den Metallarm wieder sinken.
Eilig krempelte sie den Ärmel ihres Hemdes auf und untersuchte den Kautschuk an ihrem Aluminiumarm. Über dem Ellenbogen saß die verräterische Überlappung der beiden Gliedmaßen. Sie konnte nicht riskieren, dass sie ein weiteres Mal lahm gelegt wurde. Ohne länger zu überlegen, erhitzte sie das Material und fügte es nahtlos zusammen. Ihr war vollkommen gleichgültig, ob man die dunklen Lötspuren sah, oder nicht. Die musste sich keinem anderen nackt präsentieren.
Annabelle überlegte. Wenn sie dem Schnee, oder was immer sich darin absetzte, keine Gelegenheit bot, in ihren Körper einzudringen, wäre es leicht, dem Monster stand zu halten.
Aber wie konnte man einem solchen Wesen nah kommen, um es zu verwunden, oder gar zu besiegen? Letztlich war es körperlos. Während sich dieser Gedanke in ihrem Gehirn manifestierte, nahm bereits eine Lösung Gestalt an: Wenn man die Seele eines sterbenden Menschen in einen Maschinenkörper bannen konnte, wieso nicht auch ein solches Wesen?
Auf der Grundlage konnte sie einen Plan entwickeln. Ihre zuvor schlechte Laune wich einer ungeahnten Euphorie. Fröhlich pfiff sie vor sich hin.
Als Zaida anklopfte, war sie noch nicht ganz fertig.
„Ja?", fragte Anabelle.
Zaida vermied es, einzutreten. „Sergeant Masters bittet uns, umgehend in die Leichenhalle zu kommen", sagte sie ruhig. „Hast du Zeit dafür?"
Anbelle krempelte die Ärmel ihres Hemdes herab und klopfte sich den Staub von den wollenen Hosen. „Entrée!", rief sie.
Während sie sich Weste und Jackett überzog, trat Zaida ein. Sie musterte Anabelle kritisch. „Du willst deine Arbeitskleidung anbehalten?", fragte sie. Ihre Brauen zogen sich zweifelnd zusammen. „Ich halte es für …"
„Unziemlich, ich weiß!", fiel Anabelle ihr ins Wort.
„Provokant", beendete Zaida ihren Satz ungerührt.
„Machst du dir sorgen um mich?", fragte Anabelle lächelnd. Daraufhin schwieg Zaida. Lediglich ihre Braue zuckte missbilligend hoch. ‚Wie sehr sie doch eine Dame ist!', dachte Anabelle. Diese elitäre, etwas snobistische Eleganz und der Standesdünkel verliehen Zaida einen besonderen Zauber der Unantastbarkeit. Anabelle wusste, dass sie mit ihrer Freundin in keiner Weise mithalten konnte. Sie fühlte sich wie ein Kind, ein Mädchen an Zaidas Seite. Trotzdem forcierte sie den Unterschied zwischen ihnen. Die Spannung, die daraus entstand, glich einem Spiel ohne Sieger oder Verlierer, aber mit einem besonderen, fast erotischen Schauer.
Lachend fasste Anabelle ihre Freundin in der Taille. Mit einem Ruck zog sie die Angolanerin an sich und wagte einige sehr unmoralisch Tanzschritte, wobei sie sich gegen Zaidas Bein drängte.
Mit einem ärgerlichen Blick schob die Magierin sie von sich.
„Bitte!", sagte sie streng. „Das mag ich nicht!"
Anabelle ließ sich von der kühlen Abweisung nicht irritieren. „Ich weiß", verriet sie. „Das ändert aber nichts an meiner herrlichen Stimmung."
Zaida legte den Kopf schräg. Neugierde flammte in ihren Augen auf.
„Ich weiß jetzt, wie ich meinen Körper gegen dieses Wesen schützen kann und dieses Geschöpf einfangen kann!"